StrongmanRun 2011 – Der Bericht

Ein Crosslauf mit leichten Hindernissen am Nürburgring

Sonntag, 17. April 2011

5:40 Uhr
Der Wecker klingelte, aber ich lag ohnehin schon lange wach und starrte durch meine Zimmerdecke in die Ferne, denn der gestrige Tag war im Wesentlichen gar nicht so verlaufen wie ich es mir gewünscht hatte.
Dummschwitzer-Bruder und ich waren zwar am Ring und ’schnupperten‘ schonmal in die tolle Atmosphäre (und die weniger tollen Indoor Pommes- und Wurststände).
Hier ein kleiner Ausschnitt der imposanten Video-Leinwand an der Startnummern-Ausgabe in der ring°arena.

Aber das Wesentliche, die Besichtigung der Rennstrecke, war nicht möglich.
Erst ab Sonntag, 8:00 Uhr, so hieß es.
Da saßen wir also wie bestellt und nicht abgeholt. Geplant war zudem mit Penntüten im Twingo zu übernachten, jedoch war es hier oben in der Eifel weitaus weniger lauschig als in der heimischen Kölner Bucht – und es wurde sogar noch merklich kälter.
Dummschwitzer-Bruder brachte es mit drei Worten auf den Punkt: „Afrika war wärmer!“
Also erfragten wir noch einige Details wie den Zugang zum Fahrerlager, Ablauf der Garderobe, usw. und trollten und schließlich wieder gen Heimat.
Kurz vor Ladenschluss erhaschten wir noch 3 große Salate im örtlichen ‚Feinkost Albrecht‘ und schauten zusammen einen Film, sowie Joey Kelly’s „No Limits“.

Auf die frisch rasierten Stahlwaden wurde schonmal das Logo des Spendenlaufes „Run 4 Japan“ aufgemalt.
Was du heute kannst besorgen… und so weiter halt.

Gegen 23 Uhr verabschiedete ich mich dann ins Bett.

Und da lag ich also nun. In meinem Kopf kreisten die wildesten Gedanken.
Was würde mich erwarten?
Die Beschreibung der 14 Hindernisse im Internet ließ auf einen knüppelharten Wettkampf schließen. Trotz einer 21km-Trainingsbestzeit von 1:43h lautete mein primäres Ziel für diesen 20km-Lauf demnach: Ankommen!
Gut, unter der Hand hoffte ich schon auf eine Zielzeit irgendwo zwischen 2:30 und 3:00h
Alles über 3:30h wäre ein Desaster, denn dann würde ich in der Ergebnisliste mit einem „F“ für „FAILED“ auf- und irgendwie auch vorgeführt werden.
So ließ ich mich langsam aus 2m Höhe aufs Parkett gleiten und schlurfte ins Bad. Das Webradio brüllte mir .977 the Hitz-Channel ins Gesicht und würde wohl auch bald meinen Bruder geweckt haben.
Einen Eiweiß-Shake sowie MaxCarb-Riegel später befanden wir uns auch schon wieder auf dem Weg zu meinem ‚aufgehübschten‘ Flitzer

Die Anreise ging, dank eines vielfach erprobten Anfahrt-Systems, abermals glatt vonstatten und Punkt 8 Uhr rollten wir auf dem Teilnehmer-Parkplatz direkt am Eifeldorf „Grüne Hölle“ aus.
Hier war es noch immer saukalt, die Entscheidung im heimischen Bett zu nächtigen war also schonmal richtig gewesen!

8:25 Uhr
Unser Weg führte uns durch die ring°area über einen kleinen Treppenhaus-Zugang durch einen Tunnel direkt ins Fahrerlager.

Was für ein Gefühl plötzlich auf so einer Rennstrecke zu stehen.
Der helle Wahnsinn!
3,5 Stunden vor Rennbeginn war hier noch recht wenig Betrieb

abgesehen von diesem lustigen Gesellen

und so machten wir uns, zusammen mit einem Sportstudent der Uni Köln an die Streckenbegehung.
UND *grrr* entgegen meiner deutlichen Anweisung hat das Bruderherz NICHT JEDES HINDERNIS fotografiert.
Ja, ich weiß auch wie Strohballen aussehen und würde die normalerweise auch net fotografieren, aber für den jetzigen Bericht über die Begehung wärs halt schon geiler gewesen… gell?

Daher überspringe ich die Begehung und verrate nur soviel: Die Begehung hat meine komplette Renntaktik auf den Kopf gestellt!
Damit gleich beim Rennen aber jeder weiß wovon ich rede, gibt es hier den Streckenplan

10:50 Uhr
Wieder zurück in der ring°arena müssen wir feststellen, dass sich das weitläufige Areal mittlerweile nahezu komplett mit Menschen gefüllt hat.
Und was da für Gestalten umherwuselten!

Das ging von römischen Legionären

über die ’normalen Wahnsinnigen‘

bis hin zu einer schottischen Delegation inklusive standesgemäß lautem Einzug, dank Backpipe!

und Bayern.

Sogar einer Na’vi aus dem Film „Avatar“ begegnete ich.
Dagegen muten meine Vorbereitungen ja erzkonservativ an.

11:20 Uhr
Wir machen uns wieder auf den Weg ins Fahrerlager.
Hier steppte bereits so richtig der Bär, darum halte ich jetzt kurz die Klappe (ich muss mich ja ohnehin warmlaufen) und lasse die Bilder für sich sprechen!

Die Stimmung war von emsigen Treiben geprägt: Die einen liefen sich warm, die anderen bereiteten die letzten Details für den Start vor und alle Anderen versuchten einfach sich einen guten Platz zu sichern. So auch ich.

Die Stimmung im Startblock war extrem super. Ich hatte mich, gemäß meiner neuen Taktik, unter die ersten knapp 500 getummelt.
Genauer kann ich es gar nicht sagen, denn der Unterschied ob jetzt 8600, oder ’nur‘ 8200 Menschen hinter einem stehen ist irgendwie unerheblich für das Körpergefühl.
Zeitweise kam ich mir auch mehr wie auf einem Open-Air-Festival vor.

Und dann stand auf einmal oben bereits erwähnte Na’vi vor mir und fragte, ob sie sich kurz abstützen dürfte, sie suche ihren Freund.
Ja da bin ich doch nicht so und habe ihr -natürlich aus rein sicherheitstechnischen Aspekten!- zusätzlichen Halt in Hüftgegend gegeben.
…ich bin aber auch ein selbstloses TukTuk!

Wenige Minuten vor dem geplanten Start kamen noch immer Läufer an uns vorbei getrottet und reihten sich hinten ein.

Und während mein Bruderherz sich ausreichend bei einer der vielen, vielen freundlichen Graties-Goodies-Ladies eindeckte

Begannen wir endlich mit dem Countdown!

12:00 Uhr
Der Startschuss

Wie bei allen größeren Läufen dauerd es noch ein paar Sekunden, bis das Rennen für uns ‚Normalos‘ beginnt. Aber das ist dank der Netto-Zeitnahme erstmal kein Problem.
Ganz langsam schiebt sich der Tross auf fast 18.000 Beinen nach vorne. Die Räume zwischen den Körpern werden merklich größer und allmählich kann ich in einen ganz langsamen Laufschritt übergehen.
Das Feld zerfasert noch ein wenig mehr, aber als wir dann den Start-Tunnel und somit auch die Zeitmatten überqueren geht es so richtig los.
Schneller und schneller geht es vorran, bis ich schließlich beinahe mein Wohlfühltempo erreiche.
Dieser erste Kilometer ist bei solch einem dichtgedrängten Starterfeld immer eine ganz besondere Gefahr, aber auch wenn ich hier mit am meisten Zeit verliere, ist es doch auch immer wieder ein tolles Gefühl sich in all dem Gewusel aus wogenden Körpern eine Lücke zu suchen, um sich weiter nach vorne zu schälen.
Dazu das Geräusch wenn zig hundert, oder in diesem Falle sogar tausende von Füßen im Gleichtakt auftreten… Alleine für diesen ersten Kilometer lohnt es sich schon fast sich regelmäßig bei solch großen Laufveranstaltungen zu melden.
Wir schlängeln uns durch die ersten Kurven der Nürburgring-GP-Strecke, was für ein Feeling!
Ich beginne bereits hier Menschen zu überholen, die allein von Statur und Gesichtsfarbe (nach 1500m!) viel, viel weiter hinten hätten starten sollen.
Das meine ich gar nicht überheblich, aber wenn man auf den ersten Kilometern bereits von 6000 Mann überholt wird stelle ich mir das auch nicht gerade motivierend vor.
Auf der langen Gerade kommt das erste Hindernis „Double Trouble“ langsam in Sicht.
Heute morgen sah es noch so aus:

Aber nun stürmte ein wilder Mob darauf zu. Einige hundert Meter weiter vorne beginnen die Läufer plötzlich zu ‚wachsen‘. Wie Raketen schießen ihre Köpfe aus der Masse empor, als sie die Autoreifen bzw. Strohballen erklimmen und sinken kurz darauf wieder in den Tross hinab.
Was für ein unwirkliches Bild für mich.

Dann bin ich an der Reihe, die Autoreifen sind kein Problem, aber beim ersten Strohballen rutsche ich direkt ab und muss neu ansetzten. Super Auftakt…

Beim zweiten Versuch erwische ich mit dem Handschuh die dünne, aber extrem stabile Schnur, mit welcher der Ballen geschnürt wurde.
Alles klar, das ist der Schlüssel zu jedem Strohballen-Hindernis auf diesem Lauf: Handschuhe, Schnur und ab dafür!

Die Autoreifen nehme ich fortan ‚volley‘, überspringe den ersten fast komplett, lande auf dem Höchsten, der unter meiner Last nachgibt und mich mit Schwung hinter das Hindernis befördert. Das Ganze wiederholt sich noch zweimal und danach liegt eine viel leerere Strecke vor mir. Dieses Hindernis wirkt wie eine Brandungsmauer.
Gut für mich und alle in meinem Pulk – schlecht für jeden, der von weiter hinten kommend aufläuft!
Die Route folgt noch ein kleines Stückchen dem Asphalt und verlegt sich dann zum ersten Mal ins Kiesbett.

Ich bin bei der Begehung ein paar Schritte hier gelaufen und dachte eigentlich, dass ich mit einem Ballenlauf auf dem Vorderfuss hier wohl am Besten durchkommen würde, aber irgendwie war das noch nicht der wahre Jakob!
Es folgte ein kurzes Stück Wiese und dann kamen die ersten Treppen, über die wir die eigentliche Rennstrecke für eine ganze Weile verlassen sollten.

Nach dem Zaun ging es scharf rechts und auch sehr, sehr steil bergab, vorbei an Catering #1, und durch ein Eisentor hindurch zu Hindernis 2 „Devil’s Playground“, die Quad-Trail-Strecke. Überraschend viele Läufer griffen hier schon gierig zu den hunderfach bereit gestellten Bechern.
Irgendwie ist bei diesem Lauf alles eine Nummer größer als gewohnt!

Hier ging es mehrere Hundert Meter auf sandigem Untergrund bergauf, um steile Kurven, wieder bergab und schließlich auf leicht matschigen Untergrund auf die letzte Passage dieses Hindernisses zu:

Ihr seht ja wie weit ich mich über den beiden lustigen Mädels befinde. Es geht halt gute 45% bergauf.
Da heißt es schlichtweg: Vollgas und dann mit den Fingern in die Erde krallen und auf allen Vieren so schnell es geht das obere Ende erreichen.

Für geübte (Cross-)Läufer war dieses Hindernis aber vielmehr ein großer Spielplatz, als eine echte Hürde. Das folgende Verbindungsstück zum nächsten Hindernis kam mir noch mehr gelegen: Wiese.
Zwar stehts am Hang gelegen und nie wirklich eben, aber ich laufe seit regelmäßig auf Wiesen und Waldböden, um meine Bänder zu trainieren und gleichzeitig die Gelenke zu schonen.
Die Piste war hier sehr breit mit Flatterband abgesperrt, es gab kaum Zuschauer und – Ich traue meinen Augen nicht: Reihenweisen stellen sich plötzlich die
Herren der Schöpfung an die Begrenzung und schiffen in den Wind!
Wir sind doch gerade mal gute 3km unterwegs?!
Meine Abwassertaktik lautet dagegen wie immer: Hochziehen und ausschwitzen.
Nach einigen hundert Metern wich die Wiese einer kurzen Bergab-Waldweg-Passage, im Anschluss ging es wieder am Wiesenhang entlang.
Wald, Wiese, Cross: Genau mein Ding!
Dann kam Hindernis 3 „Cool Down“ in Sicht

Wie unschwer zu erkennen ist, war es von der Idee her eine große Wasserrutsche.
Im praktischen aber empfand ich das Gefälle und die „Wassermassen“ als überhaupt nicht schlimm und so laufen wir alle auf der Gummimatte steil bergab.
An deren Ende hat sich bereits ein beachtlicher Wassergraben von knapp 1,5m Länge gebildet, den die meisten Überspringen.
Ich versuche das ebenfalls, jedoch rutsche ich bei der Landung am Erdhügel ab, kann mich mit Mühe aber direkt vor den Augen der Strongman-Fotografen über die
Schulter abrollen und direkt weiter laufen.
Hoffentlich gibt es davon ein Bild! (Nachtrag: Gibt es scheinbar nicht *schnief*)

Von der Aktion bekomme ich jedoch Seitenstechen, welches ich mit gleichmäßiger Atmung und etwas ‚langsameren‘ Tempo aber nach und nach weglaufe.
Kurze Zeit später kommt Hindernis 4 in Sicht: „Cliffhanger“

Hier muss man sich (von links über den Erdhügel kommend) über einen -Zitat Beschreibung- „Tiefen Graben hangeln“, welcher sich als 30cm tiefe und mit Stroh ausgelegte Kuhle entpuppte.
Das Ganze Hindernis ist auch noch recht kurz ausgelegt, sodass ich es getreu der alten Boulder-Weisheit „When in doubt: Do it dynamo!“ (Im Zweifelsfalle mit Schwung!) mit einem beherzten Sprung an die Mitte der Traverse hechtete und dank des Schwunges direkt zum anderen Ende pendelte.
Mein „Angsthindernis“ für Runde 2 (macht nach 14km Laufen mal paar Klimmzüge!) hatte sich als kleine Lachnummer entpuppt!
Weiter geht es steil über Wiesenhänge bergauf, dann wieder parallel zum Hang, schließlich bergab.

Nun kommt das erste, richtige Wasserhindernis. Hindernis 5: „Down Under“
Laut Beschreibung sollten wir hier tief Luft holen und uns in die eisigen Fluten stürzen.

Bei der Begehung hatte mich der niedrige Wasserpegel schon arg enttäuscht, eigentlich war Tauchen unter Baumstämmen angekündigt. Aber das Wasser war nur hüfthoch, die Baumstämme auf Schulterhöhe und so ging es recht locker durch das Hindernis.
Okay, 5’C Wassertemperatur war „erquickend“…
Die Schuhe saugten sich sofort voller Wasser und wurden je knapp 1kg schwerer. Als ich wieder auf festen Grund stand, spürte ich hüftabwärts nicht mehr viel, aber die Beine gehorchten noch und es ging zügig weiter, dem 6. Hindernis „Hangover“ entgegen welches ebenfalls nur wenige hundert Meter entfernt bereits wartete.

Noch bei der Begehung überlegte ich, wie dieses Seilnetz wohl gut zu meistern wäre. Wahrscheinlich auf allen Vieren. Mein Bruder schlug sogar „rollen“ vor.
Die Lösung war verblüffend einfach: In leichter Hocke und mit einer Hand am Netz abgestützt war diese Hürde nach 15 Sekunden passé.
Es folgte wieder ein (hauptsächlich dank der klatschnassen Schuhe!) harter Geländeteil über lehmige Anstiege

kleine Asphalthügel und schließlich 6m fast senkrecht auf auf sandigem Grund bergab.

Und dann lag er vor mir: Hindernis 7, der „Schicksalsberg“!

Dieses knapp 800m lange, schnurgerade Stück mit ca 15% Steigung war seit heute morgen mein neuer Angstgegner!
Die Strohballenhürden von je 1,5m Höhe am Horizont waren die Kirsche auf diesem Sahnehindernis.

Der Anstieg saugte die Kraft aus den Waden und die Sprünge auf die Heuballen bzw das „Hochziehen“ daran taten ihr übriges.
Boulderer nennen Schlüsselstellen einer Kletterroute oft ‚Crux‘. Dies war die Crux dieser Strecke!
…wie sich noch herausstellen sollte leider in doppelter Hinsicht…

Nach diesem (von den Crosseinpagen abgesehen) ersten, wirklich fordernden Hindernis ging es weiterhin ein paar Meter steil bergauf.
Das vertraute Piepsen „meiner“ GPS-Uhr erklang: Der Läufer neben mir schaute auf sein Handgelenk.
„Und, was sagt er?“, fragte ich ihn. Mein Laufnachbar wartete offenbar den geeigneten Atemrythmus ab und antwortete nach einigen Sekunden schließlich.
„6 Kilometer“.
„Nee, ich meine den Schnitt. 4:50min, oder?“, erwiderte ich.
Sein Blick wanderte abermals Richtung Handgelenk.
„Nene, weniger, viel weniger“.
„Oha, dann laufe ich ja zu schnell“, war meine Reaktion.
Meinem Nachbarn ging es dagegen wohl nicht schnell genug. Der Weg bog rechts ab und wechselte von steil bergauf nach stark bergab. Der Garmin-Läufer kramte ein Gel-Pack aus der Tasche, spritze es sich in den Mund und spurtete von dannen. Ich hielt mein derzeitiges Tempo bei und wurde von vielen Läufern mit laut
aufklatschenden Schuhen überholt. Bergablaufen ist nicht so mein Fall: Dabei werden (ähnlich dem Rückwärtslaufen) andere Muskelpartien als beim ’normalen‘ Laufen
beansprucht und diese Power wollte ich mir für Notfälle aufsparen. Die zweite Getränkestation kam in Sicht.
Hier traf ich den Garmin-Läufer wieder, er spülte das Powergel gründlich mit einem Becher Wasser herunter.
Nahezu gleichzeitig erklommen wir die direkt an die Station angrenzende Treppe.
Diese Stelle sollte sich in der nächsten Runde ebenfalls als Knackpunkt herausstellen!
Nachdem wir die gut 30, 40 Stufen erklommen hatten, ging es auch direkt auf der anderen Seite wieder hinunter auf die Grand Prix-Strecke. Damit im Eifer des Gefechtes niemand vor eine der, am Fuße der Treppe aufregenden, Stahlstangen rannte, hatte sich jeweils ein Mitglied der FFW davor postiert. Sehr, sehr gut durchdacht!
Als ich die junge Frau an ‚meiner‘ Stange passierte, rief ich ihr mit einem breiten Grinsen ein „Und ich dachte, ich hätte heute nen scheiß Job!“ zu, was sie mit einem lauten Lachen quittierte.
Ich sollte aufhören laut zu denken, kann irgendwann auch mal schief gehen!
Die Strecke führte nun wieder direkt neben der GP-Strecke durchs Kiesbett. Die Luft war gefüllt vom hundertfachen Knirschen des Kies unter unseren Füßen.
Unglaublich wie laut das war!
Das Laufen auf Kies ist dem Laufen auf Schnee ähnlicher, als dem auf Sand: Den Ballenlauf auf dem Vorderfuss hatte ich mittlerweile aufgegeben, statt dessen bildete ich mit den Füßen ein leichtes „V“ ähnlih Skilangläufern an Steigungen und kam so ganz gut und recht ökonomisch vorran.
Meine Seitenstiche waren zudem mittlerweile auch komplett verschwunden. Nach diesem Kies-Abschnitt nahm ich mir also vor wieder richtig Vollgas zu laufen.
…dass ich ohnehin schon schneller als geplant war, hatte ich bereits wieder vergessen.

12:23 Uhr
Mein Bruder hatte sich derweil ebenfalls auf die Socken gemacht und postierte sich am „Kiesimandscharo“, dem 8. Hindernis.
Dahinter verbarg sich ein recht steil ansteigender, ca 4m hoher Kiesberg.
Noch herrschte hier absolute Ruhe, doch dann schossen die Führungsläufer hier durch:

12:25 Uhr, der spätere Sieger

sowie sein ständiger Verfolger

und knapp eine Minute später, auf Platz 3 liegend, der Vorjahressieger.

Um 12:30 Uhr rauschte schließlich die schnellste Frau vorbei

und um 12:33 Uhr erklomm der Dummschwitzer den Kiesimandscharo

Leicht auf die Hände gestützt und mit viel Krafteinsatz der Beine war auch diese Hürde recht gut zu meistern.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch gar keine Ahnung wie gut ich eigentlich im Rennen lag, da ich ja weder meine GPS-, noch eine normale Uhr dabei hatte.

Kurz darauf führte der Kurs auch wieder direkt auf die asphaltierte Rennstrecke.
Jetzt konnte ich Durchstarten, jetzt…
Moment mal…
Irgendetwas drückte vor die Zehen meines linken Fußes.
Nein!
Bitte, nicht!
Durch das kleine Loch im vorderen Teil des linken Schuhes waren einige
Kieselsteine gerutscht.
Was nun?
Anhalten und Schuh leeren?
Ich hatte die Schuhe wegen der Matschgruben extra superfest und mit 3fach-Knoten gebunden.
Es würde unter normalen Bedingen schon lange dauern das zu lösen und anschließend wieder gut zu verschnüren.
Aber jetzt, mitten im Rennen..?
Irgendwie gelang es mir die Kiesel mit den Zehen an einer „unkritischen Stelle“ im Vorderschuh zu fixieren.
Solange sie dort blieben und nicht etwa unter den Fuß rutschten, wollte ich weiter laufen.
Es ging lange geradeaus, dann machte der Kurs ein recht langes „S“ und dort war mein zweites Angsthindernis:
Nummer 9, „Eifeler Nordwand“.
Hierbei handelte es sich um ein Hindernis, welches man angeblich alleine kaum überwinden konnte: 2 aufeinander folgende, je 2,5m hohe und senkrechte Wände aus Strohballen.
Bei der Streckenbegehung am Morgen hatten mein Bruder und ich (er ist wie ich ebenfalls Hobbykletterer) aber bereits gemerkt, dass das durchaus machbar sein sollte. Vor allem die zweite Wand war auf der linken Flanke ’nur‘ knapp 2m hoch. Und so konnte mich auch dieses Hindernis nur wenige Sekunden aufhalten, bescherte mir aber (wie alle Strohhindernisse!) weitere Kratzer an den Knien und Schienbeinen.
Es ging weiter geradeaus, schließlich auf den Rasen links neben der Rennstrecke und bald kam mit dem „Fishernetz“ auch Hindernis 10 in Sicht.

Ich wusste durch ein Ausloten bei der Begehung ja bereits wie „tief“ und lang dieses Wasserhindernis war und so gab ich nochmal richtig Gas und katapultierte mich mit einem gewaltigen Satz, vor der Linse eines Fotografen, fast mittig ins 4’C kalte Wasserbecken.
War. Das. Geil.
Hoffentlich hat der Mann mich fotografiert, es ‚fühlte‘ sich jedenfalls nach einem guten Bild an! (Nachtrag: Auch dieses Bild habe ich noch nicht finden können…)
Durch das Netz war der anschließende Aufstieg trotz nasser Schuhe und fest anliegenden, klatschnassem Trikot, kaum ein Problem.
Auf dem Grünstreifen ging es noch einige hundert Meter entlang und schließlich zurück auf die Rennstrecke. An Verpflegungsstation 3 genemigte ich mir im Vorbeilaufen schließlich auch einen Becher „Iso“ sowie ein paar Schlucke Wasser.

Herrlich!
Die Strecke stieg nun steil an und schon befand ich mich im Fahrerlager.
Hier steppte der Bär, es schien fast als hätten sich alle 20.000 Besucher hier versammelt, dabei wurden wir – abgesehen vom Crossteil und dem Schicksalsberg – nahezu durchgängig angefeuert!
Mein kleiner Minipulk von knapp 7 Mann erreichte voller Adrenalin das 11.Hindernis, eine knapp kniehohe Schlammgrube namens „Dirty Dancing“.
Sehr viele schienen vor uns noch nicht hier durch gekommen zu sein, denn der Matsch sah noch fast genau so ‚unproblematisch‘ aus wie wenige Stunden zuvor:

So war auch dieses Hindernis, zumindest in der ersten Runde, für mich kein Problem.
Kaum 200m später erklommen wir mit der „Stairway to Heaven“ bereits Hürde Nummer 12.

Da wir mittlerweile bereits Routine im Erklimmen von Strohball-Stapeln hatten, war aber auch dieses 7.5m hohe Wand, auch dank der ‚Treppenform‘, eher spektakulärer denn behindernder Natur. Das vorletzte Hindernis, „Hot Wheels“ lauerte direkt hinter dem Abstieg.
Es bestand aus einer knapp 15 Meter langen Passage, die aus aufgetürmten Autoreifen bestand. Zum Teil lagen dort mehrere Reifen wild übereinander, an manchen Stellen jedoch auch nur ein Einzelner. Man musste halt irgendwie versuchen hier eine schlaue Route zu finden.
Neben dem Schicksalsberg und den Kies-Abschnitten war dies hier eines der Hindernisse, die mich am meisten Zeit gekostet haben.

Unter den noch immer frenetischen Jubelrufen des Publikums bogen wir jetzt (in entgegengesetzter Richtung) in die Zufahrt der Boxengasse ein und erreichten schließlich die letzte Kies-Passage dieser Runde und mit ihr „Alcatraz“, das 14. und letzte Hindernis:

Auf der ersten Runde war ich hier noch recht zimperlich, versuchte die Knie zu schonen und verschenkte dadurch einige Sekunden. Bei meinem zweiten Durchgang sollte sich das ändern!
Aber vorher musste ich diese, erste Runde beenden!
Vor mir lag die Start/Ziel-Gerade. Ein ziemlich langes, gerades Stück. Der Morderator tat sein Bestes die Läufer hier bei Laune zu halten, grüßte uns alle beim Vornamen. Das war auch bitter nötig, denn ansonsten war dieses Teilstück wie leer gefegt.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte war, dass hier vor kurzem noch richtig Halli-Galli war.
Denn der Start zog sich so lange hin, dass vor gerade einmal 9 Minuten die letzten Läufer das erste Hindernis auf ihrer ersten Runde absolvierten!

12:42 Uhr

Nur wenige Sekunden darauf fegten die beiden ersten Läufer auf ihrer zweiten Runde schon wieder hier vorbei!

12:49 Uhr
Die schnellste Frau läuft auf Hindernis 1 zu:

12:51 Uhr
Auch ich beende meine erste Runde. Der Blick auf die große Uhr übertrifft meine kühnsten Erwartungen!
Knapp 51 Minuten habe ich für diese 10 km benötigt, das heißt selbst wenn ich für diese Runde 15 Minuten länger benötigen sollte – so hätte ich noch immer ein wenig Reservere, um unter 2 Stunden zu bleiben!

Meinem Bruder rufe ich im Vorbeilaufen „3 Kieselsteine, linker Schuh, Scheiße!“ zu und auf geht es wieder dem ersten Hindernis entgegen.
Hinter mir und vor mir je knapp 4000 andere Läufer. Was für ein Gefühl!

Jetzt wo ich die Strecke kannte war der Lauf trotz der Anstrengungen, die mir das Tempo und auch die Hindernisse bereiteten, hauptsächlich eines:
Purer Spaß!
So flog ich förmlich über den Asphalt, dem ersten Hindernis und folgenden Kiesbett-Passage entgegen.
In meiner Taktik hatte ich ursprünglich vorgesehen, das erste Gelpack nach knapp 40 Minuten zu nehmen, das zweite wollte ich mir für die Mitte der letzten Runde aufsparen. Mehr Packs passten leider nicht in meine kleine Tasche.
So friemelte ich, ohne merklich langsamer zu werden, an meiner Gesäßtasche herum und versuchte mit den Handschuhen im ständigen Auf und Ab den Reißverschluss zu öffnen. Irgendwann, mitten in der Links-Rechts-Kurve vor der Geraden zu Hindernis 1, bekam ich schließlich ein Pack mit den Fingerspitzen zu fassen und zog es heraus. Ich war mir sicher, dass ich es fest in Griff hatte als ich versuchte den Reißverschluss wieder zu schließen – ein kurzes, dumpfes platschen, gefolgt von einem leicht metallischen Rutschgeräusch, überzeugte mich vom Gegenteil…
Stehenbleiben und Gelpack suchen kam auf keinen Fall in Frage!
So lief ich wieter und kramte vorsichtig das andere Pack aus der Tasche.
Da die Tasche nun ohnehin leer war, kümmerte ich mich erstmal um das Pack: Wie ein rohes Ei bugsierte ich es in mein Blickfeld, riss den Verschluss ab und quetschte mir die zuckersüße Pampe in den trockenen Mund.
Was tut man nicht alles für 150kcal?
Nüchtern betrachtet reicht das auch gerade mal für 2 allerhöchstens 3 Kilometer. Aber der psychologische Effekt war immens!
Ich habe neue Energie.
Die Akkus sind wieder voll.
Gut, vielleicht nicht ganz voll. Aber zumindest voller, als bei dem Typen da vorne!
Logische Konsequenz: Ich überholte ihn und er ließ es widerstandslos geschehen.

Wenig später überwand ich abermals das erste Hindernis „Double Trouble“ und bog auf das Kiesbett ein. Diesmal hörte ich nur meine Schritte.
Schnell kam die Treppe in Sicht.
Alles in meinem Mund schmeckte und klebte nach Lemon-Gel.
Wi – der – lich !
Daher war ich mehr als froh, dass nach der Treppe und dem anschließenden bergabstück wieder die Versorgungstation 1 in Sicht kam.
Nachdem nun alle 9000 Läufer hier durchgekommen waren, sah es gelinde gesagt aus wie auf einem Schlachtfeld.
Alternativ kann man auch die Kölner Innenstadt nach dem Rosenmontagszug als Vergleich bemühen.
Ich hielt auf die Station zu, passierte alle bunt gefüllten Becher, sowie sämtliche Bananen und Orangen und schnappte mir schließlich einen mit klarer Flüssigkeit gefüllten Becher.
Wasser!
Mit schnellen, aber kleinen Schlucken, leerte ich den Becher halb im Laufen, schüttete mir die andere Hälfte über den Kopf und beförderte den Becher in die letzte Tonne vor dem Tor zum „Devil’s Playground“.
Wie ich dort auf den ersten 50 Metern feststellen musste, würden die Reinigungskräfte hier einen harten Job haben: Überall lagen weiße Platikbecher, zermalenen Orangen und Bananenreste.
Und hier war für den Großteil gerade mal Halbzeit.
Die Cross-Passage ließ ich abermals schnell und unbeeindruckt hinter mir. Es folgte wieder ein Stückchen Wiese.
Zusammen mit 2 anderen Läufern wandelten wir „auf den Spuren der 10.000“:
Synchron zur Flatterband-Absperrung war die Wiese von tausenden von Füßen komplett platt gewalzt und ‚ausgepresst‘ worden.
Das Ergebnis war optisch beeindruckend, denn das ehemalige Gras schimmerte in sattem grün, zugleich aber auch hell glänzend im Sonnenlicht.
So liefen wir 3 einsam und alleine vor uns hin, bis…

Es war so surreal!
In dem einen Moment rennt man zu dritt über den dunkeldrünen Teppich und sieht nicht einmal Zuschauer um sich herum.
Dann überquert man eine Kuppe, biegt links ab und hat plötzlich mehrere Hundert Läufer vor sich.
Und da die auch noch keine Wasserhindernis absolvieren mussten, glänzten sie wie aus dem Ei gepellt, während wir schon klatschnass und wenigstens an den Beinen verdreckt waren.
Unter den vielen, vielen ’normalen‘ Läufern gab es auch einige Exoten, was der ganzen Situation einen noch unwirklicheren Touch verlieh.
Denn mal ehrlich, was würdet ihr denken, wenn ihr im oberen Pulsbereich durch die Gegend rennt, bestrebt eine persönliche Topleistung aufs Parkett zu brennen – und vor euch tauchen plötzlich:

  • Captain America
  • Wonder Woman
  • Eine ganze Kompanie Marienkäfer
  • Zwei Frauen in Brautkleidern
  • dazu passend: ein Mann im Nadelstreifen-Anzug
  • Ein Wikinger samt Fellweste und Holzschwert
  • Eine Na’vi (aus dem Film ‚Avatar‘)

und noch viele andere herrlich verrückte Gestalten auf?
Später überholte ich sogar jemanden, der einen Autoreifen aus einem Hindernis als Souvenir mitschleppte – und er hatte sehr wahrscheinlich noch eine Runde vor sich…
So hatten wir alle auf unsere ganz spezielle Art und Weise eine menge Spaß auf diesem Lauf.
In gut doppelten Tempo überrundeten wir weiterhin Läufer um Läufer, und erreichten schließlich den „CoolDown“.
Die Gummimatte war noch immer nicht erheblich rutschiger geworden und so sprinteten wir abermal den Hügel hinab. Umgeben von wild paddelnden und rutschenden Erstrundlern, die aber zugegeben einen riesen Spaß dabei hatten!
In dunkler Erinnerung an meinen ‚Stunt‘ aus der ersten Runde, beschloss ich diesmal den Sprung gar nicht erst zu wagen, sondern den Wassergraben mit Schwung zu durchlaufen.
Der erste Schritt im kühlen Nass war auch noch kein Problem, der Zweite endete allerdings erstmal im Leeren, da die Grube viel tiefer wurde als ich erwartete.
Dank meines Tempos legte ich mich dirket der Länge nach hin: Die Beine im Brackwasser, der Oberkörper schlug in den matschigen Grabenrand ein.
Weh tat das ganze nicht, aber sich vor knapp 200 Zuschauern dermaßen hinzulegen ist schon ein blödes Gefühl.
So tat ich das einzig Vernünftige: Ich riss die Arme zu einer Siegerpose empor und grinste wild in die Zuschauermassen.
Dann rappelte ich mich so schnell es ging auf und hechtete meinem Läuferpulk hinterher.
Ich erreichte die Jungs am vierten Hindernis „Cliffhanger“, welches ich auf gewohnt spektakuläre Weise überwand.
Jedenfalls sah es für die Anderen scheinbar recht ungewohnt aus.
Sie selbst hangelten und kraxelten an den Metall-Traversen herum. Ich setzte wieder zu einem langen Sprung in die Mitte des Gestänges an und pendelte herrüber.
Zugegeben, diesmal war es eine zentimetergenaue Aktion und um ein Haar hätte ich diese Hürde wiederholen müssen.
Aber ich hatte nochmal Glück gehabt.
So eilte unser 3er Pulk dem „DownUnder“ entgegen, aber schon von weitem wurden alle um uns herum immer langsamer und langsamer.
Es gab einen großen Rückstau vor dem 5. Hindernis.
Daher entschlossen wir 3 uns spontan im Anflug nach rechts auf die „Pussy Lane“ abzubiegen.

Eigentlich ist diese „Strafrunde“ für Nichtschwimmer und Läufer mit wasseruntauglichen Kostümen gedacht. Vergleichbar mit einer Strafrunde beim Biathlon ist sie bei normalem Rennbetrieb auf jeden Fall ein Nachteil.
Da hier aber bereits 30 Meter vor dem Hindernis kaum noch ein Durchkommen war, wählten wir das kleinere Übel.
Die Pussy Lane verlief zuerst gute 150 Merter auf der Wiese bergauf, machte einen 180°-Knick und führte die gleiche Strecke wieder bergab.
Am unteren Ende angelangt, bog sie wieder ab und wir rannten komplett die 150 Meter auf einer Art Waldweg den Berg wieder hinauf. Von dort aus ging es über einen kleinen Zugang knapp hinter dem Hindernis wieder auf die reguläre Strecke, wo wir von einigen Erstrundlern mit lautem Lachen empfangen wurden.
Wenn die wüssten, was die noch alles erwartete, würden sie sich den Atem fürs Laufen sparen.
Der Stau an „Hang Over“ hielt sich in Grenzen – eine Alternative hatten wir aber ja ohnehin nicht.
Wenn gleichzeitig so viele Menschen auf dem Netz herum turnen, dass es sich bis zum Boden durchdehnt, ist dieses Hindernis noch fast einfacher zu überwinden als ganz alleine!
Es folgte wieder das sandige, lehmige Cross-Stück.
Nur mit dem Unterschied, dass nun bereits viele Tauschend Menschen hier durchgerauscht waren.
Der Boden war matschig, verschlammt, rutschig… sucht euch was aus.
An einem kleinen Anstieg ging für einen kurzen Moment nichts mehr und da ich meine Vorderfrau nicht unnötig über den Haufen rennen wollte, wechselte ich kurz ins Gehtempo.
Sofort ertönte direkt hinter mir ein lautes: „Ey, Laufen! Nicht gehen!“.
Ich drehte mich um und sah einen Läufer so dermaßen unbeschmutzt, dass mir schon alles klar war.
Betont deutlich musterte ich seine unbefleckte Kleidung, setzte ein bewusst höhnisches Grinsen auf und rannte los, als hätte ich den Leibhaftigen gesehen.
Es folgten die Asphalt-Hügelchen und hier fiel mir auf, dass die Meisten nicht nur einfach langsamer, sondern scheinbar zum Teil auch fast ängstlich unterwegs waren.
Dann, beim letzten, steilen 6 Meter-Abhang, krabbelten einige Läufer tatsächlich rückwärts auf allen Vieren den Hügel hinab.
Lustigerweise traf ich am Ende dieser Passage wieder auf ‚mein‘ Pulk. Wir hielten uns nun konsequent am Rande der Massen auf, da wir hier einfach mehr Platz zum Ausweichen und Überholen zur Verfügung hatten.
So erreichten wir abermals den Schicksalsberg.
Während ein Großteil der Leute um uns herum den Berg hinauf ging, joggten wir in am Wegesrand den Strohball-Hürden entgegen.

Und plötzlich ging nichts mehr.
Wir standen mittig in einer Gruppe geschätzt mehreren Hundert Läufern, die alle auf die Hürde aufgelaufen waren.
Ich traute meinen Augen nicht, als ich merkte wie weit wir noch vom tatsächlichen Hindernis entfernt waren.
Das ist doch Scheiße sowas!
Wir versuchten irgendwie mit guten Zureden, Bitten, Betteln und dergleichen vorgelassen zu werden, da 99% der Anderen sowieso noch auf ihrer ersten Runde waren und daher scheinbar nicht ‚auf Zeit‘ liefen – ob freiwillig oder nicht.
Einer aus unserem Pulk hielt es schließlich nicht mehr aus und krabbelte, wie so viele, unter der Streckenabsperrung hindurch und stampfte auf einen Streckenposten zu, der fleißig jeden zur Disqualifikation notierte, der das Hindernis ausließ.
Die Beiden gerieten in eine kleine, aber scheinbar feine Diskussion und nach kurzer Zeit fand auch ich mich, zusammen mit einigen anderen Überrundern vor ebenjenem Posten wieder.
„Wir wollen ja gar nicht das Hindernis auslassen, wir wollen doch nur an der ewigen Warteschlange vorbei. Das ist unsere zweite Runde, wir verlieren hier mühsam erlaufene Zeit!“
Aber der einzige Kommentar war: „Wenn ihr hier jetzt an mir vorbei geht, dann fliegt ihr raus.“
Von seinem Standpunkt aus sicherlich verständlich, er hat bestimmt klare Anweisungen bekommen. Für uns aber der absolute Tiefpunkt im Lauf!
Was hat es für einen Sinn sich auf den ersten 15km auf gut deutsch gesagt den Arsch abzulaufen, wenn man dann aufgrund eines Orga-Fehlers jeglichen Vorsprung wieder verliert. Dann sollen die halt die Zeitname sowie die Sieger-Ehrung offiziell streichen und das Ding ‚Strongman-Walk‘ taufen.
Die Emotionen kochten halt schon sehr hoch in diesem Moment.
Einige Läufer, die direkt am ersten Hindernis standen und unsere Diskussion mitbekamen riefen plötzlich laut: „Was?! Ihr seid auf der zweiten Runde und hängt jetzt hier fest?!“ Einer fasste sich ein Herz: „Kommt her, ich lass euch vor!“, winkte er uns wild zu.
Ein kurzer Blick zum Streckenposten. Er nickte es ab und so konnten wir dank dieser absoluten Sportsmänner und -Frauen direkt am Hindernis ‚einsteigen‘.
Großer, großer Dank dafür an dieser Stelle!
Die Strohballen waren eigentlich kein Hindernis, aber in dem Gedränge war leider auch nichts mehr mit „Do it dynamo!“ und aus dem Stand hochspringen und die Strohballen-Schur ergreifen ist nicht ganz so einfach.
Aber helfende Hände gab es mehr als genug. Wir wurden von hinten hochgeschoben, von vorne hinüber gezogen und dergleichen mehr. Sobald man die Strohballen erklommen hatte, drehte man sich automatisch nach hinten um und reichte die Hand den Nachfolgenden.
Der Sportsgeist war wirklich beeindruckend!
Trotzdem ‚verloren‘ wir allein an diesem Hindernis gute 10 Minuten.
Wie ich späte in Foren und Beiträgen erfuhr waren wir damit noch mehr als gut bedient, denn kurze Zeit später muss hier das entgültige Chaos ausgebrochen sein, sodass es zu Wartezeiten von 30 Minuten und mehr alleine hier am Schicksalsberg kam…
Für nächstes Jahr wäre mein Tipp dieses Hindernis an eine andere, breitere Stelle zu verlegen, um solch einen Rückstau zu vermeiden.

Durch die Wartezeit hatte der Kreislauf aber auch wieder kurz Gelegenheit zur Erholung bekommen und so rasten wir förmlich an allen vorbei der Verpflegungsstation 2 entgegen.
Auch hier bot sich ein ähnliches Bild wie an Station 1: Ein Meer aus leeren Bechern soweit das Auge reichte – trotz der Allee aus großen Müllcontainern ringsrum.
Ich steuerte diesmal einen Becher ‚Iso‘ an, stürzte ihn hinunter und spülte mit zwei Schlucken Wasser nach. Der Rest des Wassers landete wieder auf meinem Kopf, die Becher im Container und da ging es auch schon die Treppenstufen hinauf, der Rennstrecke entgegen.
Zweimal riss es mir fast die Beine unter dem Körper weg: Hier lagen überall die weggeworfenen Bananen- und Orangenschalen der Verpflegungstation!
Der Boden und Teile der Treppe waren nahezu komplett damit bepflastert.
Das war mehr als grenzwertig, vor allem da man nach 16km flotten Laufens auch nicht mehr so feinmotorisch unterwegs ist.

Wieder ging es über den „Kiesimandscharo“, welcher durch die vielen Füße mittlerweile gut einen Meter abgetragen wurde, und zurück auf die Rennstrecke. Endlich wieder „Straßenrennen“, meine Hauptdisziplin.
Unser Pulk zog das Tempo an und so überrundeten wir auf der breiten Strecke problemlos Läufer um Läufer.
Nach der Links-Rechts-Kehre kam abermals die „Eifeler Nordwand“ in Sicht.
Zum Glück staute es sich hier zur Zeit kaum und so konnte unser Pulk diese Hürde relativ problemlos meistern. Auch hier halfen wir uns und anderen.
Ein tolles Gefühl, da Laufen an sich ja sonst eher ein „Ego-Sport“ ist.

Beim „Fishernetz“ angelangt, setzte ich abermals zu einem weiten Sprung ins eiskalte Nass an. Wieder war ich bis auf die Knochen klatschnass. Im hüfthohen Wasser kämpfte ich mich mit wild rudernden Armbewegungen zum Netz, mit dessen Hilfe ich den anschließenden Erdhügel erklomm und an dem ich ich mich auch an der anderen Seite hinab hangelte.

Die Strecke stieg ein letztes Mal steil an und so langsam ging es an die taktische Planung: Wann sollte ich mit dem Endspurt beginnen?
Ich horchte in meine Bein hinein, versuchte abzuschätzen wieviel ich ihnen und mir noch zumuten konnte.
Lieber noch bis nach dem Anstieg warten, war meine Diagnose.
Zwei aus unserem Pulk starteten ihren Spurt und zogen von Dannen, die anderen drei blieben hinter mir.
Na toll… Führungsläufer sein ist ja gar nicht mein Ding!

So erreichten wir abermals das mit Zuschauern prall gefüllte Fahrerlager und liefen auf „Dirty Dancing“ zu.
Die mittlerweile mehr als 9000 Paar Schuhe hatten aus dem ehemals belächelten Sandbecken eine ansehnliche Matschgrube gestampft.

Der ‚Weg‘ am linken Rand war verstopft mit Läufern, also wagte ich den Lauf durch die Mitte.
Es ging überraschend gut, auch wenn die Schuhe sich nur mit sehr viel Kraftaufwand und einem tiefen Schmatzer wieder aus dieser Pampe ziehen ließen.
Zwei Schritte vor dem Ende drohte mein rechter Fuß aus dem Schuh zu flutschen.
Nur das nicht!
Das ist der gechipte Schuh, wenn ich den verliere ist das Rennen vorbei.
Ich belastete den Fuß sofort wieder, ballte mit den Zehen eine Art ‚Faust‘ und zog das Bein mit einem kräftigen Ruck aus dem Schlamm.
Geschafft, der Schuh war noch wo er sein sollte!
Meine Freude währte jedoch nur sehr kurz, denn bei dieser Rettungsaktion verlor ich das Gleichgewicht und pendelte auf den Begrenzungs-Strohballen zu.
Liegend zog ich mich über das Hindernis auf die Straße.
Ich sah aus…
Hüftabwärts klebten mehr als 5kg Schlamm an mir. Die Hände waren versaut, einfach alles.
Ich lief weiter und sofort machte sich das zusätzliche Gewicht bemerkbar.
Mit ein paar kräftigen Sprüngen versuchte ich wenigstens etwas von dem Ballast abzuwerfen, aber ich erreichte damit nur, dass einige Zuschauer fieße Matsch-Spritzer abbekamen.
Sei’s drum.
Trotz des Mehrgewichtes erklomm ich die „Stairway to Heaven“ ganz zügig, hatte jedoch den Anschluss man mein Pulk hoffnungslos verloren.
Mist!
Oben auf der Strohballenpyramide erreichte ein Satz mein Ohr, der mich für einen Augenblick irritiert innehalten ließ:
„Och, nee. Jetzt sind auch noch meine Hände dreckig geworden“.
Ich fass‘ es nicht. Dieser Satz passt hierher wie Daniela Katzenberger. Nämlich: Gar nicht!
Mit 4 Sprüngen erreichte ich wieder den Boden und versuchte irgendwie ein halbwegs passables Tempo zu erreichen.
An den „Hot Wheels“ bot sich mir ein ähnliches Bild wie an der Matsch-Grube:
Die Ideallinie war von Mitläufern versperrt.
Also entweder anstellen, oder eben mittig durch den Reifenhaufen.
Ich wählte abermals die Mitte und kämpfte und kraxelte wild durch die Gummiringe.
Direkt vor mir eine junge Frau, die ordendlich Gas gab.
So wie die abging, war sie 100% auch auf der zweiten Runde, sprich dem Endspurt.
Zusammen liefen wir auf „Alcatraz“ ein, ich wählte eine ‚Röhre‘ im hinteren Drittel in der Hoffnung sie würde leer sein.
War sie aber nicht.
Aber es passten zum Glück bequem zwei Personen durch und so schoss ich auf allen Vieren und den Knien durch dieses Hindernis. Die Steine spritzen wild in alle Richtungen davon und somit lag nun auch das letzte Hindernis hinter mir.
Die Frau, welche beim Reifenstapel noch vor mir war, befand sich nun knapp hinter mir.
Jedoch hatte sie noch ehrheblich mehr Feuer in den Beinen als ich!
Gut, das kann auch an meiner unfreiwilligen Fango Packung liegen, die ich größtenteils noch immer mitschleppte.
Noch auf dem Kiesbett überholte sie mich und zog von Dannen.
Ich versuchte mich an einen anderen, schnellen Läufer zu heften, was mir auch zum Teil gelang.
Würde es noch für eine Zeit unter 2 Stunden reichen?
Ich war die ganze Strecke komplett nach Körpergefühl gelaufen. Lediglich bei Kilometer 6 hatte mir der ‚Garmin-Mann‘ gesagt, dass mein Schnitt schneller als 4:50min/km sei und die Zwischenzeit der ersten Runde lag bei circa 51 Minuten… mehr wusste ich nicht.
Wie lange hatte der Schicksalsberg aufgehalten?
Weiter vor mir tönte der Moderator wild los.
Laut anfeuernd kündigte er die drittplatzierte Frau an, welche scheinbar jeden Moment die Ziellinie überquerte.
Ein letztes Mal versuchte ich so etwas wie einen Schlusssprint.
Zugegeben, es war der Jämmerlichste seit ich an Wettkämpfen teilnehme, aber schließlich hatte ich auch die schier endlose Zielgerade überwunden, überquerte jubelnd die Linie, drehte mich um – und schaute ungläubig auf die große Wettkampf-Uhr…

Ich benötigte für die knapp 20km ’nur‘ 1:49:20, belegte somit Platz 197 in der Männerwertung und 199 im Gesamtklassement.
Ein unbeschreibliches Gefühl!

Während viele, viele andere gerade ihre zweite Runde begannen

Lockerte und dehnte ich erstmal die geschundenen Muskeln

und betrat schließlich das Fahrerlager, wo ich wieder einmal von der tollen Organisation des Laufes überrascht wurde!
Hier standen doch tatsächlich alkoholfreies Warsteiner, Powerriegel, Kuchen (!!) Iso-Getränke, Tees und Wasser bereit.
Für 9000 Mann.
Absolut top!

…besser gehts eigentlich nur noch mit warmer Suppe und persönlicher Masseurin. ,-)
Leider zeigte sich auch hier wieder, dass es auch unter Läufern ’schwarze Schafe‘ gibt. Ein paar Helden hatten sich von irgendwoher Tüten organisiert und bunkerten die Powerriegel direkt kartonweise. Mögen sie euch auf ewig schwer im Magen liegen!
Zielläufer mit Zeiten jenseits der 3:25h bekamen dadurch leider so gut wie nichts mehr ab.

Ich begegnete einigen bekannten Gesichtern, unterhielt mich mit Diesem und Jener über das soeben gemeinsam Erlebte und genoss einfach die grandiose Amtosphäre an diesem Ort.

Ach ja, natürlich puhlte ich mir auch endlich die Kieselsteine aus den Schuhen. Fast 14 Kilometer weit habe ich die drei Biester mitgeschleppt:

Sieger wurde der Trierer Florian Neuschwader mit einer Zeit von 1:21:27.

Nur 4 Sekunden später erreichte der Finne Jani Lakanen als Zweiter das Ziel.
Der Dortmunder Knut Höhler (Sieger 2008-2010) erreichte mit 1:24:02 den dritten Platz.

Schnellste Frau wurde Ulrike Dreißigacker nach 1:37:25.

Vorjahressiegerin Nina Schüler belegte mit 1:43:49 den zweiten Platz.
Carina Weidler belegte mit 1:49:37 Rang 3.

Bei der Siegerehrung staunte ich nicht schlecht: Die Drittplatzierte startete für den „TuS 06 Heltersberg“.
Gut, der Name sagt jetzt vermutlich niemandem hier etwas:
Heltersberg ist ein 2000-Seelen-Ort am Rande des Pfälzer Waldes. Der vielleicht bekannteste Sohn der Ortschaft dürfte Udo Bölts sein. Ebenjener Rennradprofi, der Jan Ulrich mit dem seitdem berühmten Satz „Quäl dich, du Sau!“ auf der Tour de France anfeuerte.
Woher ich das weiß?
Ich selbst stamme aus einem noch kleineren (beinahe Nachbar-)Dorf von Heltersberg. Und mit einem Trierer und einer Heltersbergerin auf dem Podium vor mir kam mir die Welt für einen Moment ebenfalls vor wie ein kleines Dorf…

Der Dummschwitzer-Bruder hat mir als zusätzliche Erinnerung ein kleines Video angfertigt, welches ich euch natürlich auch nicht vorenthalten möchte.
Danke, Bruderherz!

Mein Fazit:

Der StrongmanRun 2011 lässt mich mit zwiespältigen Gefühlen zurück.
Ich hatte wirklich einen wahnsinnigen Spaß bei diesem Lauf!
Die Organisation war tadellos, An- & Abfahrt sowas von unproblematisch und vor allem haben alle Helfer, egal ob THW, FFW, Malteser, die Mikas und auch das super freundliche Ring-Personal einen großen Dank verdient!

Aber dann wiederrum wird dieser Lauf als „Der härteste Lauf aller Zeiten“ beworben. Gut das Streckenprofil war mit 650 Höhenmetern pro Runde und den Kiesbett-Passagen für sich genommen schon sehr knackig.
Aber um es mal knallhart zu sagen: Sämtliche Wasserhindernisse, der „Cliffhanger“ und auch die Eifeler Nordwand fand ich absolut enttäuschend.
Ich laufe jeden Samstag 15km und sonntags dann einen ruhigen Halbmarathon halb am Rhein entlang und halb durch leicht hügeliges Waldgebiet.
Meine Regelzeit für diesen Lauf liegt bei 1:43h.
Wenn ich dann beim härtesten Lauf aller Zeiten starte erwarte ich Blut, Schweiß und Tränen – aber keine Zielzeit von 1:49h.
Sicherlich war ich am Ende sehr erschöpft, aber das lag vielmehr an meinem vorgelegten Tempo und leider nicht an den Hindernissen.

2012 werde ich wieder teilnehmen, denn auch wenn es vielleicht nicht der schwerste Lauf ist – der Spaßigste ist er auf jeden Fall!
Und mit einem fetten „Dankeschön!“ an meinen Bruder (der neben dem Video übrigens auch all die tollen Bilder geschossen hat!) verabschiede ich mich, bis zum nächsten mal!

Euer Dummschwitzer

PS:

Hier geht es zur Fotogalerie der „Sportografen“, offizieller Partner des StrongmanRun. Lohnt sich!

Wer einen starken Magen hat und selbst einmal „Strongman-Luft“ schnuppern möchte, dem kann ich die beiden Videos (1 pro Runde) des Drittplatzierten Knut Höhler empfehlen. Er zeigt beide Male alle Hindernisse und in der 2. Runde bekommt ihr ebenfalls ein Gespür davob was es bedeutet an einem Hindernis zu Überrunden…
Leider trug er die Kamera an einem Brustgurt, wodurch das Bild sehr ‚dynmaisch‘ rüber kommmt.

StrongmanRun 2011 – Knut Höhler, Runde 1

StrongmanRun 2011 – Knut Höhler, Runde 2

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